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Palinurina tenera oppel
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Roger

19.10.2017, 16:31




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Mecochirus longimanatus - Bericht
Mecochirus longimanatus - Bericht

            

Mecochirus longimanatus - Bericht
Beschreibung: Erschienen in der Ausgabe Heft 4 Juli/August 2004
Zeitschrift für hobbypaläontologen

Eine Seite im Buch der Erdgeschichte – vom Fossil selbst beschrieben

Günter Schweigert & Roger Frattigiani

Die Rekonstruktion der Lebensräume und Ablagerungsbedingungen vergangener Epochen ist oftmals mit einem erheblichen technischen Aufwand verbunden – man denke an Isotopenuntersuchungen, Gesteinsdünnschliffe, Elektronenmikroskopie. Aber bedarf es denn einer DNA-Untersuchung von am Tatort verlorenen Haaren zur Überführung eines Einbrechers, wenn dessen Spuren verräterisch im Schnee zu seiner eigener Wohnung führen? Die exakte Beobachtung und scharfsinnige Deutung kann hier mehr leisten, und gerade in der Erdgeschichte wird man manches Mal an dieses kriminalistische Prinzip erinnert.

Die oberjurazeitlichen Plattenkalke Süddeutschlands sind geradezu eine Fundgrube für spannende Geschichten, und dort kann man buchstäblich in der Erdgeschichte blättern. Die Seiten dieses Buchs sind die dicht aufeinander liegenden, aufspaltbaren Kalkschichten, die Autoren des Buchs die darin eingelagerten Fossilien. Biostratinomie nennt man die Spezialwissenschaft innerhalb der Paläontologie, die sich mit den Beziehungen zwischen dem Fossil und dem Sediment beschäftigt. Aber kommen wir zur Sache.
In seltenen Fällen beobachtete man in den Plattenkalken Fossilien, die ihr letztes Stündchen in den Kalkschlick geschrieben haben. Der Nusplinger Plattenkalk auf der westlichen Schwäbischen Alb liefert gar nicht so selten tödlich verletzte Garnelen der Gattung Antrimpos, die mit ihrem Schwanzfächer in rascher Folge pfeilförmige Wülste auf dem Meeresboden hinterlassen haben, an deren Ende dann das fossil gewordene Tier selbst liegt (SCHWEIGERT & DIETL 2002). Ähnliches gilt für die Fährten des Pfeilschwanzes Mesolimulus walchi aus den Solnhofener Plattenkalken von Pfalzpaint, die schon häufiger gefunden und dokumentiert wurden (KOLB 1963; LEICH 1968; GROISS 1975; ZEISS 1975; BARTHEL 1978; RÖPER et al. 1999). Manchmal liegt am Ende der Spur das Fossil, manchmal aber führt die Spur auch weiter, und man erkennt ein abgeworfenes Häutungshemd oder eine Ruhespur. Das Fossil am Ende der Spur ist geradezu ein klassisches Beispiel für die Vorstellung eines lebensfeindlichen Milieus, in das ein Tier hinein geriet und das zur tödlichen Falle wurde. Im Solnhofener Plattenkalk kommen Laufspuren nicht nur bei Pfeilschwänzen vor (dort Kouphichnium lithographicum genannt), sondern ab und zu auch bei Krebsen, und zwar sehr selten bei Eryoniden (FRICKHINGER 1994: Abb. 586), häufiger beim berühmten, von den Steinbrucharbeitern früher „Schnorgackel“ genannten Mecochirus longimanatus (LEICH 1968; BARTHEL 1978; FRICKHINGER 1994). Angesichts eines solchen Beispiels zitierte LEICH (1968) das berühmte Professoren-Bonmot: „Hieran sieht man, dass der Krebs vor seinem Tode noch gelebt hat“.
Genau dasselbe schien auch eine neue Platte aus dem Solnhofener Plattenkalk auszusagen (Abb. 1). Auf den ersten Blick scheint der Fall klar zu sein. Ein Mecochirus kroch rückwärts über den Meeresboden, verendete und zeichnet sich noch deutlich im Gestein ab. Aber sehen wir uns die Platte etwas genauer an. Bei der Bergung der Platte war nicht vermerkt worden, welches die Oberseite und welches die Unterseite ist. Dies lässt sich aber glücklicherweise aufgrund der Laufspuren eindeutig klären. Die Eindrücke der Beine sind auf der Platte erhaben erhalten, nicht eingedrückt. Es handelt sich also um die Platten-Unterseite mit den Ausgüssen der Eindrücke, die beim Kriechen im Schlick entstanden sind. Der Meeresboden war also so weit verfestigt, dass er für dem Krebs begehbar war, ohne darin einzusinken. Wie auf einem feuchten Sandstrand blieben die Spuren erhalten. Dann endet die Spur, und man erwartet dort das tote Tier. Tatsächlich sieht man deutlich, wie sich der Krebs, kenntlich an seinem charakteristischen überlangen vorderen Beinpaar (Abb. 2), in der Platte abzeichnet. An einer Stelle, an der etwas Gestein abgesprungen ist, liegen auch braune Stücke der Panzersubstanz frei. Der Krebs scheint sich in den Meeresboden eingewühlt zu haben. Aber halt, hier stimmt doch irgend etwas nicht! Wenn er sich eingewühlt hätte, müsste er ja in der tieferen Platte liegen und nicht über seiner eigenen Spur. Die obere Platte wurde ja erst später abgelagert als die untere, auf der der Krebs kroch. Die einzige Erklärung bleibt, dass der Krebs – offensichtlich kurz von der Schichtfläche abgehoben – allseitig von einer nachfolgenden Kalkschlick-Schicht zugedeckt wurde. Die Platte selbst ist 16 mm dick und weist im Inneren keine weitere Spaltfläche auf.
Die eigentliche Überraschung zeigt sich nun aber auf der anderen Seite der Platte, also der Oberseite (Abb. 3). Im Bereich des Krebses weist diese starke Wühlspuren auf, und um eine zentrale Vertiefung herum erkennt man auf der Plattenoberfläche deutliche Eindrücke der Scherenbeine des Mecochirus. Liegt denn dieser nicht als Leiche in der Platte? Offensichtlich nicht, hier hatte er sich deutlich sichtbar herausgewühlt und ist seinem Schicksal entkommen, und das Professoren-Zitat muss abgewandelt werden: „Hieran sieht man, dass der Krebs noch gelebt hat!“
Versuchen wir also eine neue Deutung des Fundstücks. Der Mecochirus kam auf dem Meeresboden angekrochen und war eben im Begriff, sich zu häuten, als er von einer Schlammlawine aus Kalkschlick verschüttet wurde. Mit heftigen Bewegungen schaffte er es aber, sich seines Häutungshemds zu entledigen, das leer in der Schlicklage zurück blieb. Ihm selbst aber gelang die Flucht, und er schwamm von der Stelle weg, die ihm beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Zweifelos wäre dies bereits eine hübsche kleine Geschichte aus dem Leben eines jurazeitlichen Krebses, ein Minidrama mit positivem Ausgang. Die wissenschaftlich wesentlich bedeutendere Aussage, die uns dieser kleine Krebs als Botschaft in den Schlick geschrieben hat, gilt indes der Zeitdauer, die zur Bildung einer solchen einzelnen Flinzlage erforderlich war. Hierzu hatte man lange keine genauere Vorstellung. Kürzlich wurde im Solnhofener Plattenkalk ein zyklisches Sedimentationsmuster nachgewiesen (PARK & FÜRSICH 2001a, b). Ausgehend von einer kontinuierlichen Sedimentation wurde dabei für die Bildung einer einzigen Lage im Flinz, wie sie in der von uns untersuchten Platte vorliegt, eine durchschnittliche Bildungsdauer von 2,3 Jahren unterstellt. Beobachtungen an einem fossilen Fisch (VIOHL 1994), der von mehreren Flinzlagen verfüllt ist, schienen diesen Angaben zu widersprechen und ließen an eine deutlich raschere Sedimenationsgeschwindigkeit denken. Wie lange brauchte nun aber unser Kronzeuge, der Mecochirus, um seine Geschichte in den Schlick zu schreiben? Wohl kaum länger als Zeit nötig war, um diesen Text zu verfassen! Die Schlicklage stellt demnach ein einziges Sedimenationsereignis dar, und erstaunlicherweise hatte der Schlick thixotrope Eigenschaften, entwässerte also spontan und bildete eine verhältnismäßig feste Oberfläche aus. Wieviel Zeit dann verging, ehe eine nächste Lage abgelagert wurde, wissen wir nicht. Sicherlich steckt aber in den Pausen wesentlich mehr Zeit als im eigentlichen Sedimentationsvorgang. In diesen Pausen konnten sich dann Mikrobenmatten ansiedeln, die immer wieder nachweisbar sind (KEUPP 1977; RÖPER & ROTHGAENGER 2000), die aber nicht als die eigentlichen Kalklieferanten gelten können.

Literatur
BARTHEL, K. W. (1978): Solnhofen. Ein Blick in die Erdgeschichte. 393 S., 50 Abb., 16+64 Taf., Thun (Ott).
FRICKHINGER, K. A. (1994): Die Fossilien von Solnhofen. 336 S., 600 Abb.; Korb (Goldschneck)
GROISS, J. T. (1975): Eine Spurenplatte mit Kouphichnium [Mesolimulus] walchi (DESMAREST, 1822) aus Solnhofen. – Geol. Bl. NO-Bayern, 25, 80-94, 7 Abb., 1 Taf., Erlangen.
KEUPP, H. (1977): Ultrafazies und Genese der Solnhofener Plattenkalke (Oberer Malm, Südliche Frankenalb). – Abh. naturhist. Ges. Nürnberg, 37, 128 S., 19 Abb., 30 Taf.; Nürnberg.
KOLB, A.(1963): Riesige Limulus-Fährte aus dem lithographischen Schiefer von Pfalzpaint. – Geol. Bl. NO-Bayern, 13, 73-78, 1 Abb., Erlangen.
LEICH, H. (1968): Nach Millionen Jahren ans Licht. 180 S., zahlr. Abb., Thun & München.
RÖPER, M., LEICH, H. & ROTHGAENGER, M. (1999): Die Plattenkalke von Pfalzpaint (Landkreis Eichstätt). Faszination fossiler Quallen. 120 S., 138 Abb.; Eichendorf b. Landau/Isar (Eichendorf Verlag).
RÖPER, M., ROTHGAENGER, M. & ROTHGAENGER, K. (2000): Die Plattenkalke von Schernfeld (Landkreis Eichstätt). 128 S., 182 Abb, 8 Taf.; Eichendorf b. Landau/Isar (Eichendorf Verlag).
PARK, M.-H. & FÜRSICH, F. T. (2001a): Cyclic nature of lamination of the Tithonian Solnhofen Plattenkalk of southern Germany and its palaeoclimatic implictions. – Int. J. Earth Sci., 90: 847-854; Berlin & Heidelberg.
PARK, M.-H. & FÜRSICH, F. T. (2001b): Simulation study on centimetric alternations of fäule and flinz beds in the Upper Jurassic Solnhofen Formation (Bavaria, Germany). – Archaeopteryx, 19: 89-96, 4 Abb., 1 Tab.; Eichstätt.
SCHWEIGERT, G. & DIETL, G. (2002): Antrimpos aus Nusplingen – Neues zu einer Plattenkalk-Garnele. – FOSSILIEN, 2002/4: 241-245, 5 Abb.; Korb.
VIOHL, G. (1994): Fish taphonomy of the Solnhofen Plattenkalk – an approach to the reconstruction of the palaeoenvironment. – Geobios, Mém. spec., 16: 81-90; Lyon.
ZEISS, A. (1975): Zur äthiologischen Deutung der großen Erlanger Limulus-Fährte. – Geol. Bl. NO-Bayern, 25: 95-99, Erlangen.

Abb. 1. Laufspur von Mecochirus longimanatus (Schlotheim) auf der Unterseite einer Solnhofener Gesteinsplatte. Der Krebs zeichnet sich deutlich in der Platte ab. Sammlung R. Frattigiani, Foto G. Schweigert.



Abb. 2. Oberseite der Gesteinsplatte von Abb. 1. Der Krebs hatte sich nach der Häutung durch den Kalkschlick nach oben durchgegraben und dadurch gerettet. Foto G. Schweigert
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Datum: 13.07.2005 08:34
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